Mayr fährt raus (2): Schwarzenberg – Ostermiething – Tarsdorf

5 Stunden und 46 Minuten dauert die zweite Etappe meiner Tour vom nördlichsten Punkt des Mühlviertels bis in den tiefsten Westen Oberösterreichs. Von Schwarzenberg über Rohrbach-Berg weiter nach Linz führt mich der erste Teil des heutigen Tages. Am Hauptbahnhof gibt’s die erste verspätungsbedingte Sprinteinheit, der Bus aus dem Mühlviertel hat bei der Baustelle in Ottensheim doch ein paar Minuten Zeit verloren. Der Sprung in den Zug nach Braunau gelingt aber am heißesten Tag des Jahres. Glück gehabt.

Im Zug treffe ich dann einen netten Bekannten: Unser Bundesrat David Stögmüller ist gerade am Weg nach Hause. Es bleibt genug Zeit für Gedanken über Verkehrtspolitik und Gossip. Knapp eineinhalb Stunden würde eine Autofahrt nach Braunau dauern, wir brauchen mit dem Zug knapp 20 Minuten länger.

Severin Mayr und David Stögmüller im Zug Richtung Braunau
Mit David Stögmüller im Zug Richtung Braunau

Am Bahnhof in Braunau erwartet mich eine Baustelle: Der schon lange angekündigte und dringend nötige Umbau des Bahnhofs läuft, 2020 sollen die Bauarbeiten fertig sein. Neue Park&Ride-Plätze, Barrierefreiheit: Es gibt hier wirklich viel zu tun. Ein Mitarbeiter am Bahnhof erzählt uns aber, dass der BahnStoreim Dezember zusperren wird. Dort gibt’s Getränke, Wurstsemmeln – aber auch Beratung und Service. Vermutlich spielen betriebswirtschaftliche Gründe dabei eine Rolle, ich halte ein Schließen dennoch für problematisch: Aus meiner Sicht sollen Bahnhöfe das Reisen möglichste attraktiv machen, dazu gehören Einkaufsmöglichkeiten und Beratung auf jeden Fall.

Bahnhof Braunau
Bahnhof Braunau

Quizfrage: Wie viele Busse bleiben an der westlichsten Haltestelle stehen?

Die westlichste Haltestelle des Landes ist in Schwaig bei Ostermiething, von Braunau aus mache ich mich mit dem Bus auf den Weg. Das geplante Haltestellen-Foto in Schwaig muss aber ausfallen. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: An dieser Haltestelle kommt jeden Tag nur ein Bus vorbei. Ja genau, einer. Wäre ich ausgestiegen, hätte ich zwar ein Selfie mit Haltestelle, allerdings müsste ich mir dann meine Schlafgelegenheit im Wald suchen.

Also geht es ein paar Kilometer mit dem Bus weiter bis Tarsdorf. Nach handgezählten 133 Haltestellen komme ich dort pünktlich an. Ja, Tarsdorf das ist die Gemeinde mit dem berühmten Ortsteil Fucking. Es gibt auch einen Ortsteil Hucking, aber dort wird die Ortstafel meines Wissens nach nie geklaut.

Eigentlich gibt es für den restlichen Tag nur noch einen wirklich wichtigen Programmpunkt: In St. Radegund, wo ich ein paar Minute zuvor durchgefahren bin, findet eine Andacht zu Ehren Franz Jägerstätters, der vor 75 Jahren wegen seiner Kriegsdienstverweigerung von den Nazis zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, statt.

Angewiesen auf Autostoppen und Hilfsbereitschaft

Aus dem Bus aussteigen konnte ich in St. Radegund allerdings nicht: Alle Pensionen waren wegen eines Reitturniers ausgebucht – und eine Weiterfahrt wäre mangels weiterer Verbindungen nach der Andacht nicht mehr möglich gewesen. Also ein neuer Plan: Statt 6 Kilometer bei gut 35 Grad zu Fuß von Tarsdorf nach Radegund zurückzulegen, wage ich nach gut 20 Jahren wieder zaghafte Versuche als Autostopper. Mit ziemlichem Erfolg: Das zweite Auto blieb stehen. In ihm der frühere Pfarrer – der gerade am Weg zur Andacht nach Radegund war. Glück gehört auf so einer Reise wohl auch dazu.

Der Altpfarrer hat mir dann nicht nur die schnellstmögliche Verbindung geboten, sondern auch ein kurzes, aber spannendes Gespräch. Und er war dann auch gleich Türöffner für weitere Gespäche in Radegund, die mir die Rückfahrt nach Tarsdorf gesichert haben. Eine Dame aus Tarsdorf nimmt mich mit, es entwickelt sich ein spannendes Gespräch über fehlende Öffis, über Fehler in der Raumordnung, über Zersiedelung. Aber das beste: Sie macht auch gleich noch einen Umweg für mich, um mich noch durchs Jägerstätter-Haus zu führen.

Es braucht eine Alternative zum Auto

Mittlerweile wird immer mehr klar: Will man im Innviertel außerhalb der größeren Städte ohne Auto mobil sein, dann ist man aufs Autostoppen angewiesen – und auf die freundliche Unterstützung anderer. Das mag mir an diesem Tag gut gelungen sein, aber die Realität ist natürlich eine andere: Die Abhängigkeit vom eigenen Auto ist in dieser Gegend extrem. Ist man, zum Bespiel aufgrund eines fortgeschrittenen Alters, in der persönlichen Mobilität eingeschränkt und kann nicht mehr mit dem Auto fahren, muss man sich auf ein soziales Netz verlassen können. Eine Reise mit dem Bus nach Braunau und wieder zurück wird sonst zum Tagesausflug.

Insgesamt verfestigt sich der Eindruck, dass das Innviertel nicht unbedingt zu den best ausgebauten Öffi-Gebieten des Landes gehört. Um es ganz freundlich zu sagen. Die Abhängigkeit vom Auto wird wohl kaum wo so stark sein wie hier. Das nehme ich auch als Auftrag mit nach Hause.

Weil meine Autostopperfolge an diesem Tag so grandios waren, bleibt nach der Rückkehr nach Tarsdorf auch noch Zeit für eine kleine Wanderung – mit Besichtigung des anfangs erwähnten berühmtesten Ortsschildes der Welt. Muss man nicht gesehen haben, ist aber trotzdem nicht unlustig. Ein Selfie fürs Archiv springt dabei heraus.

Dann gibt’s noch schnell eine „Innviertler Kleinigkeit“ zu Essen und schon geht’s zurück ins Hotel. Die Nacht wird nämlich sehr kurz werden, der nächste Bus fährt bereits vor 7 Uhr in der Früh…

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