Ist Linz eine Nazi-Stadt?

Im Rahmen von Linz09 wird die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt Linz thematisiert, sei es durch die Ausstellung im Schlossmuseum (die ja auch durchaus unterschiedlich aufgenommen wird) oder durch Projekte wie „In Situ“ oder „Unter uns“ (eine Kurzbeschreibung der Projekte gibt es auch unter fm4.orf.at).

In den OÖ. Nachrichten vom 25. März 2009 stellt Roman Sandgruber, Universitätsprofessor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der JKU Linz, nunmehr die im Titel zitierte Frage, ob Linz eine Nazi-Stadt sei. Durch die Art der Thematisierung der eigenen Geschichte würde sich in der internationalen Aufmerksamkeit das Bild als „Kulturhauptstadt des Führers“ und als „Nazi-Stadt“ verfestigen, schreibt er in seinem Kommentar. Wie soll man also damit umgehen, dass Linz eine Nationalsozialistische Vergangenheit hat? Übertreibt es Linz mit der Nazi-Zeit?

Betrachtet man die Kommentare auf der Internetseite der OÖN, kann man zur Auffassung kommen, dass eine  Auseinandersetzung mit der NS-Zeit aber durchaus notwendig ist, werden dort doch unter anderem wieder einmal „Hitlers Tote“ gegen „Stalins Tote“ aufgerechnet. Auch wird wiederum gefordert, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber was würde es bedeuten, die Vergangenheit ruhen zu lassen? Oder wie sollte so eine Ruhe aussehen? Schweigen? Vergessen? Verdrängen?

Die Diskussion hat sich auch auf die LeserInnenbrief-Seite ausgedehnt. Der Drehbuchautor Prof. Andreas Gruber, bekannt unter anderem für Filme wie „Hasenjagd“, kritisiert in einem Leserbrief an die OÖ. Nachrichten auch den Umgang der Medien mit der Thematisierung des Nationalsozialismus in Linz:

Jetzt triumphiert er wieder, der medial ventilierte Lokalpatriotismus, der sich gegen „Nestbeschmutzer“ wehrt, die nach der NS-Vergangenheit einer Stadt fragen. Aber ist es nicht eher ziemlich provinziell, einen großartigen Ausstellungserfolg beim Publikum (60.000 Besucher) und bei der seriösen internationalen Presse (Süddeutsche Zeitung, FAZ etc.) aus durchaus durchschaubaren Motiven runterzumachen? (…)

Auch Albert Lichtblau, ao. Professor im Fachbereich Geschichte an der Universität Salzburg findet in seinem Kommentar am 28. März eindeutige Worte zur momentan in Linz stattfindenden Diskussion:

Um Gottes willen, was ist los mit „Linz“? Was ist denn das für eine Frage, ob Linz09 mit dem Schwerpunkt zur NS-Zeit übertreibt? Wollen Sie sich lieber blamieren und eine Untertreibung? Oder gar nur Mittelmaß? Nein, es ist gut, wenn sich die Stadt so intensiv mit ihrer Geschichte befasst. Und es ist gut, wenn darüber gestritten wird, denn das schafft einen Gesprächsraum, der so wichtig ist für viele Menschen, die mit dieser furchtbaren NS-Geschichte in den eigenen Familien klarkommen müssen.

Für mich zählt es zu einer der Aufgaben der Kulturhauptstadt zu Diskussionen anzuregen und künstlerische Zugänge zu schwierig zu behandelnden Themen zu schaffen. Diskussionswürdig ist es sicher, ob bei den bisherigen Veranstaltungen und Projekten wirklich alles perfekt abgelaufen ist oder ob manche Dinge nicht „kontraproduktiv“ seien, wie zum Beispiel Walter Schuster vom Stadtarchiv Linz meint.

Die Stadt Linz hat in den letzten Jahren unter Einbeziehung von über 50 WissenschaftlerInnen die eigene Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus umfangreich aufgearbeitet und etliche Publikationen veröffentlicht. Aber wissenschaftliche Aufarbeitung kann nur ein Teil der umfassenden Auseinandersetzung mit der Geschichte sein. Nunmehr sollte es meiner Meinung nach darum gehen, die Erkenntnisse aus der Forschung auch mit der Linzer Bevölkerung zu analysieren, wie auch Jürgen Affenzeller in der „Rundschau am Sonntag“ (Seite 11) schreibt. Nicht nur in Bezug auf die Vergangenheit, sondern vor allem mit einem kritischen Blick auf unsere Gegenwart und mit dem Ziel, kommende Entwicklungen auch steuern zu können. Nur wer seine Geschichte kennt, hat auch die Möglichkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, und daran mitzuwirken, dass „nie wieder“ nicht nur ein Schlagwort bleibt.

Die Frage ist, ob Linz09 auch einen Teil dazu beitragen kann, dass die Diskussion über die Lehren der Vergangenheit nicht aus einer Abwehrreaktion heraus geführt wird sondern als das gesehen wird, was sie sein sollte: Ein Auftrag für die Zukunft, sowohl für die Bevölkerung als auch für die Politik.

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